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Auf dem Weg zur Zielgeraden: Die Paralympics in Tokio im Schatten der Coronapandemie

Fünf Jahre mussten Athleten und Athletinnen auf das drittgrößte Sportevent der Welt warten.  Nun hat das Warten ein Ende und die Paralympischen Sommerspiele 2020 in Tokio beginnen. Vom 24. August bis 5. September werden  insgesamt 4400 Sportlerinnen und Sportler aus rund 160 Nationen um Medaillen und Bestleistungen kämpfen. Die 16. Paralympics finden nach 1964 zum zweiten Mal in der japanischen Hauptstadt statt.

Das Team Deutschland Paralympics ist schon auf dem Weg nach Japan. Die 275-köpfige Delegation, angeführt durch Behindertensportverband (DBS)-Präsident Friedhelm Julius Beucher, umfasst 58 Athletinnen und 76 Athleten. Im Team, welches in 18 der 22 Sportarten am Start sein wird, feiern 43 deutsche Athletinnen und Athleten paralympische Premiere. Sechs deutsche Sportler werden im Para Badminton, neben Para Taekwondo eines der zwei neuen Sportarten im Wettbewerb, antreten. Die jüngste Teilnehmerin des deutschen Teams ist die 16-jährige Para Leichtathletin Lise Petersen, und die Älteste ist Para Dressursportlerin Heidemarie Dresing mit 66 Jahren. 

Den Traum einer Medaille mussten die Athleten lange nach hinten stellen, da die Spiele 2020 aufgrund des COVID-19-Virus um ein Jahr verschoben wurden. Und es wird anders, das ist klar. Nachdem die täglichen Corona-Neuinfektionen in Tokio und Umgebung zuletzt drastisch angestiegen sind, und der höchste Stand an Infizierten seit Beginn der Pandemie erreicht wurde, hat Japan den Notstand bis Ende August verlängert. Ein Expertenteam der japanischen Regierung verglich die aktuelle Infektionslage in der Hauptstadt mit der einer Katastrophe, die “außer Kontrolle” sei. Damit ziehen über den Paralympischen Spielen in Tokio dunkle Wolken auf. Kürzlich teilten die Organisatoren der Paralympics mit, dass ähnlich wie bei den Olympischen Spielen, die Paralympischen Spiele größtenteils ohne Zuschauer stattfinden werden. 

Obwohl die Paralympics im Vergleich zu den Olympischen Spielen als globaler Wettbewerb nur die Hälfte an Einschaltquoten verzeichnen können, sind die Paralympics durchweg beliebt. Laut DBS-Präsident Beuche hofft man darauf, dass die Paralympischen Spiele dieses Jahr in Tokio „neues Feuer entfachen und der paralympischen Bewegung noch mehr Schwung verleihen.“

Die Spiele werden dieses Jahr für Athletinnen und Athleten jedoch ein anderes Erlebnis sein, als man aus der Vergangenheit gewöhnt ist. Nicht nur die geringe Anzahl an Zuschauern, die normalerweise in großer Zahl zu der einzigartigen paralympische Atmosphäre beitragen, sondern auch viele neue Einschränkungen werden für weniger Miteinander sorgen. „Besonders fehlen wird sicherlich die Fröhlichkeit und Herzlichkeit im Paralympischen Dorf sowie die Atmosphäre in den Wettkampfstätten, die gerade die paralympischen Athletinnen und Athleten in dieser Form meist nur bei den Spielen erleben“, sagt Dr. Karl Quade, DBS-Vizepräsident. Die Corona-Maßnahmen, die für die Olympischen Spiele galten, sind genau dieselben für die Paralympics. Man hat jedoch aus einigen Skandalen während Olympia gelernt. Die Umstände für positiv getestete Athleten mit Betreuungsbedarf sollen für die Paralympics durch Isolation in einem speziell abgeschirmten Bereich im Krankenhaus verbessert werden. 

Zum Erfolg des Team Deutschland Paralympics sollen unter anderem die Rollstuhlbasketballerinnen beitragen. Die Athletinnen, die zur Para-Mannschaft des Jahrzehnts gewählt wurden und zu den Titelfavoriten in Tokio gehören, bilden Deutschlands erfolgreichste Mannschaft überhaupt. Seit 2007 spielt sich die deutsche Mannschaft immer in ein Finale – bei EM, WM und den Paralympics. Bei den London Paralympics 2012 konnte man mit der Goldmedaille und bei den darauffolgenden Spielen in Rio de Janeiro 2016 mit Silber triumphieren. 

Die 21-jährige Kölnerin Lisa Bergenthal ist das “Küken” des Teams, welches am 26. August das erste Spiel gegen Australien antreten wird. Die Sportlerin ist an der gleichen vererbbaren Gehbehinderung wie ihr Vater erkrankt und ihre Begeisterung für den Rollstuhlbasketball entwickelte sie schon als Kind. Bergenthal ist besonders glücklich als Teil der Nationalmannschaft für die Paralympics ausgewählt worden zu sein, da die Zweitligaspielerin beim RBC Köln aufgrund der Pandemie weder trainieren noch spielen durfte. 

„Die Paralympics waren immer ein Ziel für mich – dass es jetzt schon gereicht hat, ist sehr aufregend“, so die Kölnerin. Ihre Teamkollegin und Kapitänin Mareike Miller, für die es schon die dritten Spiele sind, ist auch erleichtert nach dem für Athleten schwierigen Trainings- und Vorbereitungsjahr bei den jetzigen Paralympics wieder dabei sein zu können. Dass durch die drastische Corona-Lage vor Ort zum Schutz aller Beteiligten keine Zuschauer erlaubt sind, sei bedauerlich, sagt Miller: „Aber der Wettkampf gegen Gegner auf Weltklasseniveau, der bleibt. Die Stimmung wird anders, aber alles andere ist noch da. Ich habe ein Gänsehautgefühl.“

Hoffentlich können die Paralympischen Spiele in Tokio in den kommenden Wochen für eine größere Wahrnehmung der paralympischen Bewegung sorgen. Laut DBS-Präsident Beucher müsste man immer noch dafür kämpfen , dass die Athletinnen und Athleten als Spitzensportler, Mutmacher und als Vorbilder für Menschen mit und ohne Behinderung Anerkennung erfahren.