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Skandal bei Olympia: War der Rauswurf von Kim Raisner gerechtfertigt?

Als Deutschlands Moderne Fünfkämpferin Annika Schleu von Olympia-Gold träumte, konnte sie sich die verheerenden Ereignisse am vergangenen Freitag nicht vorstellen.

Trotz eines starken Starts in den vorangegangen Disziplinen gelang es Schleu in der letzten Disziplin, dem Springreiten, zunehmend schlechter  ihr Pferd unter Anweisungen anzutreiben. Sie stürzte im Wettkampf vom ersten auf den 31. Platz ab. Der nervenaufreibende Wettkampf endete damit, dass Deutschlands Moderne Fünfkampftrainerin Kim Raisner von den Olympischen Spielen in Tokio ausgeschlossen wurde – weil sie Schleus Pferd geschlagen hatte.

Schleu begann das Event mit einer deutlichen Führung, kämpfte jedoch schließlich darum, ihr Pferd Saint Boy dazu zu bringen, auf Befehle zu reagieren. Ein hartnäckiger und ängstlicher Saint Boy weigerte sich in einem entscheidenden Moment im Wettkampf am Freitag zu springen. Bei jeder Weigerung wurde Schleu von ihren Emotionen überwältigt. Als klar war, dass die Goldmedaille außer Reichweite war, stieß sie einen frustrierten Schrei aus und weinte untröstlich.

In der Zwischenzeit wurde ihre Trainerin, Kim Raisner, dabei gefilmt, wie sie das Pferd schlug. Sie gab daraufhin Annika Schleu die Anweisung: „Hau richtig drauf!“ – die vor der Kamera festgehalten wurde und im In- und Ausland massive Kritik auslöste. Das Videomaterial zeigte, wie Raisner das Pferd mit der Faust schlug.

Die Handlung von Raiser wurden als schwerwiegender Verstoß gegen die Regeln des Modernen Fünfkampfs gewertet. Der Weltverband für Modernen Fünfkampf (UIP) hat das Verhalten der Trainerin verurteilt. Nach Überprüfung des Videomaterials gab der Weltverband bekannt, dass Raisner von den Olympischen Spielen in Tokio ausgeschlossen wird und keine Aufgaben beim Wettkampf der Männer übernehmen darf. 

Was ist Moderner Fünfkampf?

Der Moderne Fünfkampf umfasst fünf verschiedene Disziplinen: Pistolenschießen, Degenfechten, Freistilschwimmen, Springreiten und Querfeldeinlauf bzw. Geländelauf. Athleten treten in allen fünf Disziplinen an.

Im Gegensatz zu anderen Pferdesportarten können sich Sportler ihre Pferde nicht aussuchen. Sie bekommen kurz vor der Veranstaltung per Auslosung ein Pferd zugeteilt. Sportler und Pferde haben dann etwa 20 Minuten Zeit, um sich aufzuwärmen und zu versuchen, sich kennenzulernen.

Opfer von Regeln und Umständen?

Was hat Springreiten mit Modernem Fünfkampf zu tun? Diese Frage haben sich im Laufe der Jahre viele gestellt, insbesondere Isabelle Werth, eine der erfolgreichsten Dressurreiterinnen der Welt. Die siebenfache Dressur-Olympiasiegerin sagte: “Das hat mit Pferdesport nichts zu tun, wie wir ihn betreiben und kennen. Das ganze System muss geändert werden.”

Sowohl Pferd als auch Spieler sind in diesem Fall Opfer des Sports. Die Beziehung zwischen Reiter und Pferd ist für jeden Pferdesport von entscheidender Bedeutung. Der Moderne Fünfkampf ignoriert diese Prämisse eklatant und reduziert Pferde nur auf ein Transportmittel. Zwanzig Minuten sind für Mensch und Tier entsetzlich kurz, um eine Beziehung zueinander aufzubauen und zu reiten. Der Sport bietet derzeit jedoch keine Vorkehrungen für den Schutz und das Wohlbefinden von Pferd oder Reiter.

Außerdem war Saint Boy schon zuvor verstört gewesen. Vor der Veranstaltung hatte das Pferd bereits die Russin Gulnaz Gubaidulina abgewiesen – nicht einmal, nicht zweimal, sondern dreimal. Es ist inakzeptabel, ein ängstliches Pferd antreten zu lassen. Im Anschluss stellte Raisner einen Antrag auf ein anderes Pferd, der jedoch abgelehnt wurde. Die Modernen Fünfkampfregeln besagen, dass ein Pferdewechsel für nachfolgende Reiter erst nach vier Ablehnungen erfolgen kann.

Raisners Verhalten war ohne Zweifel unethisch. Keine Vorgehensweise oder tiefe Frustration kann ihr Handeln entschuldigen. Der Wettbewerb zeigt aber auch die Probleme der veralteten Regularien auf – behördliche Vorschriften, die für Fairness sorgen sollen, aber das Wohl von Pferden und Sportlern ignorieren.